Lost Lyrics

Sie sind hier

Mit „Ansage“ hat eine meiner absoluten Lieblingsbands vor kurzem auf Hulk Räckordz nach langer Abstinenz wieder ein neues Album herausgebracht. Sie kommen aus Kassel und hören auf den Namen LOST LYRICS. Mit „Man spricht deutsch“ veröffentlichten sie seinerzeit eine absolute Kultplatte, die vielleicht gerade noch von der „Seniorenresidenz“ getoppt werden konnte. Die aus meiner Sicht eher mäßige „Vor allem“, die lange Livepause und die vielen Besetzungswechel ließen erst Schlimmes erahnen, daß sich die Band, wie auch ihre Labelkollegen WIZO auflösen würde. Aber nichts da. Mit neuer Kraft, Verstärkung und Spaß haben sie sich doch noch mal dazu aufgerafft ein neues Album einzuspielen. Gut so. Wie es dazu kam und warum ich mir eigentlich keine Sorgen hätte machen müssen, erfahrt Ihr hier unten. Viel Spaß beim Lesen und holt Euch unbedingt die neue Platte!!!

Hallo Ihr! Schön, daß es Euch noch gibt Ich hab ja schon gar nicht mehr damit gerechnet, daß Ihr noch mal was Neues veröffentlicht. Ihr selbst vielleicht auch nicht? Nach so vielen Besetzungswechseln ist es doch bestimmt schwierig sich immer wider neu zu motivieren…
Holger: Hallo Du! Okay, hast schon Recht; dass wir noch mal so aus den Startlöchern kommen würden, war 2003 wirklich nicht abzusehen, da ständig vieles offen war. Nachdem Basti ausgestiegen war, mussten Matze und ich erst mal einen Drummer finden, der zu uns passt und zu ähnlichen Sachen Lust hat, und das war gar nicht leicht. Habe ja schon mal gesagt, dass der Steffen ein Glücksfall für die Band war, denn er hat da unheimlich viel neuen Schwung reingebracht, und es hat von Anfang an mit ihm großen Spaß gemacht. Und als wir dann ganz selig neue Pläne machten, musste Matze wegziehen. Dann hatten wir mit Lars einen neuen Basser, und es fing wieder gut an, wir machten neue Lieder usw. Und nach kurzer Zeit konnten wir schon wieder suchen, da er erstens gesundheitliche Probleme hatte und zweitens eh nach Berlin ziehen wollte/musste. Und dann kam Kati. Und dann lief das erst langsam wieder an (obwohl Kati wahrscheinlich sagen wird, dass unser Tempo ziemlich stramm ist, hahaha): alte Lieder üben, neue gleichzeitig, Fotos machen, CD planen und die ganzen Sachen.
So zog sich das hin. Aber das mit der Motivation kam immer wieder von selbst. Lost Lyrics gibt es nun seit 15 Jahren, und ich kenne viele ups and downs. Sobald es nach einem Rückschlag wieder losgehen kann, bin ich Feuer und Flamme, und übe von mir aus auch zum 500. Mal -Trauerspiele wieder ein: Denn am Ende stehen immer Sachen wie eine neue CD oder Wegfahren an und schöne Konzerte, die dich zufrieden und glücklich machen, wenn man es geschafft hat. Wenn das Ziel klar ist und die Stimmung in der Band gut ist, ist mir das egal, wenn Rückschläge kommen. Ich habe in den 15 Jahren viel kommen und gehen sehen, Moden, Trends, Bands, allen Scheiß weil ich genau weiß, dass das was wir machen zeitlos ist, bin ich immer motiviert, denn letztenendes machen wir das ja aus Spaß und nicht, weil wir davon leben müssen. So stehen wir auch unter keinem Druck. Alles, was wir tun, tun wir freiwillig. Zu so was kann ich mich eigentlich immer gut motivieren.

Gabs aber nicht mal einen Punkt, wo Du Dir mal gesagt hast, nee, das reicht jetzt. Ich mach Schluß mit LL? Eure Labelkollegen WIZO haben ja letztes Jahr nun auch „kapituliert“…
Holger: Das hängt ja nicht nur von einem selber ab, sonder auch von den Mitspielern. Als Basti nicht mehr wollte, dachte ich schon zumindest darüber nach, was anderes zu machen. Aber nur kurz, denn da meinte Matze, warum solle man etwas, das man gerne macht von der Lust von anderen abhängig machen, und wir sollten sofort einfach suchen. Und stimmte ja auch – auflösen kann man sich jederzeit, und wenn man keinen passenden Drummer findet, kann man das immer noch tun. Jedenfalls macht man mit etwas so Beständigem wie einer 15 Jahre alten Band, die einen kleinen, aber immerhin einen Namen hat, nicht so leicht Schluss. Solange das Spaß macht, sowieso nicht. Was bei anderen Gruppen los ist, kann ich nicht kommentieren. Eine Musikgruppe ist ein prinzipiell recht zerbrechliches (und bei jeder Band individuelles) Gebilde, da kann alles Mögliche passieren.

Und wer sind jetzt alles die „neuen Leute“? Habt Ihr vorher schon in anderen Bands gespielt und welche waren das? Stellt Euch doch mal vor. Was macht Ihr sonst so, wenn Ihr nicht gerade unter Holgers Anweisungen spielen müsst?
Holger: Dann nenn mich bitte „Euer Exzellenz“ - soviel Zeit muss sein!

Steffen: Jawoll dann fang ich mal an. Mein Name steht ja schon links. Ich habe im Sommer 2003 all meine Grundechte aufgegeben, meine Seele verkauft um mich den gnadenlosen Anweisungen unseres Banddiktators zu fügen. Ich hatte vorher viel Spass bei meiner anderen Band SIDEKICKS bis Holger auf die Idee kam, mich aus der Band mobben zu lassen, damit ich bei den LOST LYRICS gefügig bin. Mal im Ernst jetzt. Bin damals wegen nem Job nach Kassel gezogen und las da diese traurige Anzeige im Wildwechsel (Regiomagazin), dass ein neuer Drummer gesucht wird und ich habe mich einfach mal gemeldet und abgewartet was passiert. Kannte LOST LYRICS ja vorher schon als Zuhörer und war sogar schon auf einigen Konzerten und ließ mir sogar schon mal ein altes Tourposter signieren, da war ich aber noch echt jung.
Mit den SIDEKICKS haben wir auch so melodiösen deutschsprachigen Punkrock gemacht und die Band gab's so 5 Jahre rund. Wir haben einige Gigs mit den FUCKIN´ FACES gespielt (man nannte uns immer „die kleinen Brüder der FUCKIN´ FACES“) weil wir mit ihnen ganz gut befreundet waren und haben auch unsere Demo CD bei denen im Proberaum aufgenommen, da wir aus derselben Kante weg sind. SIDEKICKS haben sich dann irgendwann aufgelöst. Nachdem wir unsere erste CD fertig stellen wollten und uns im Studio in Eschwege die Festplatte abgekackt ist und alles verloren war, war die Luft dann raus und die beruflich bedingte Entfernung zum Proberaum zu groß. Ansonsten arbeite ich hier in Kassel als Erzieher in einem Wohnheim für behinderte Menschen.

Kati: Ich bin auch neu hier und spiele seit einem guten Jahr jetzt bei LOST LYRICS. Nebenbei spiele ich auch noch den Bass bei den BRADLEYS. Der Gitarrist von ihnen, Lars Gerhold, hat ja schon ca. ein halbes Jahr den Bass gespielt bei LOST LYRICS und dann musste er ja wegen seinem Rücken aufhören und da hat er mich dann gefragt, ob ich Interesse hätte und wir haben uns alle gemeinsam getroffen und nun bin ich dabei.
Vorher habe ich in einer Emocore-Band gespielt. Aber angefangen mit Musik machen hat alles in einer Melodicpunkband und in einer Hardcoreband hab ich auch mal Gitarre gespielt. Ist aber alles schon ein bisschen her.

Nee, mal ehrlich. Inwieweit ward Ihr am neuen Album beteiligt? Hat Holger schon alles fertig gehabt oder konntet Ihr Euch auch irgendwie einbringen?
Steffen: Holger ist ja auch kein One-Man-Wonder. Natürlich hat er erstmal die Ideen für die Songs und so seine Vorstellungen wie das klingen soll. Er macht ja damit auch den typischen Lyrics-Sound aus. Aber wir haben schon gemeinsam im Proberaum an den Liedern gearbeitet und Kati genau wie ich haben uns da versucht, weitgehend einzubringen, was das Arrangement betrifft. Von den Texten bin ich eigentlich immer sehr überzeugt, was er da so anschleppt. Aber ich habe ihm auch versucht einige Themen näher zu bringen, die ich gerne mal in einem Songtext rüberbringen würde. Nur da ich nich so'ne Reimsau bin, überlass ich dass halt dem Holgi.
Die ganze Artwork der neuen CD war z.B. komplett meine Abteilung, da waren Holger und Kati so gut wie gar nich beteiligt (ausgenommen bei Ideensammlung) und ich hab da nen ziemlich fitten Kumpel mit dem ich Poster, CD und die neuen Shirts entworfen habe.

Kati: Holger lässt da schon mit sich reden und ich glaube, dass z.B. „Blühende Landschaften“ in seinem Kopf etwas anders war, als das was nun auf Platte zu hören ist. Außerdem vertrete ich die Ansicht, dass ja erst die Kombination von unterschiedlichen Einflüssen Musik interessant macht. Ansonsten könnte sich Holger mit ner Trommel auf dem Rücken, Fußschellen, Wandergitarre und Mundharmonika als Ein-Mann-Band in die Fußgängerzone stellen und dort sein Glück versuchen.

Kati - Du schreibst im Booklet: „Danke an Holger und Steffen für´s Verständnis“. Ist es manchmal schwierig, als einzige Frau in der Band dabei zu sein, oder war damit was Anderes gemeint?
Kati: Nein, es ist nicht schwer als einzige Frau. Die Beiden sind echt liebe Menschen und wir verstehen uns, von kleinen Reibereien abgesehen, echt ganz gut. Ich bin manchmal etwas planlos, eine notorische Zu-Spät-Kommerin und auch ansonsten viel in Aktion. Das hat manchmal spontane Änderungen z.B. beim Proben, zur Folge. Dazu kommt, dass ich in Wechselschichten arbeite. Da sind Holger und Steffen aber echt verständnisvoll. Der Rest ist unser Geheimnis. Die beiden wissen schon wie's gemeint ist.

Dann ist ja gut. Kommen wir mal ein bisschen zu den Songs der neuen Platte. Auf „Ansage“ habt Ihr wieder mal zwei englische Songs. Davon eine Coverversion. Wie kam es dazu? Früher habt Ihr ja auf Englisch gesungen und dann eine ganze Weile nicht mehr. Back to the roots?
Holger: Nee, das ist ja auch übertrieben. Auf „Rotzlöffel“ waren z.B. „Sidekick Radio“ und „Moviestar“, auf der „Man spricht deutsch“ war „Skibbereen“, auf der „Seniorenresidenz“ auch mindestens 2 englische Titel. Nur bei der letzten CD war gar nichts Englisches drauf. Jetzt haben wir einen einzigen englischen eigenen Titel, „Punkrock Utopia“. „Marliese“ ist ja von FISCHER Z. Man kann schon sagen, dass wir mehr englische Sachen als deutsche Lieder covern, aber das ist schon alles.
Die Wende von 1995 ist nicht umkehrbar, und das wollen wir auch gar nicht. Vorher waren wir eine austauschbare Melodicore-Band, bei der kein Mensch auf die Texte geachtet hat. Aber außer einem eigenständigen musikalischen Stil (und das ist unglaublich schwierig) sind es die Texte in deiner eigenen Sprache, die dich unverwechselbar machen. Heute ist es so, dass einige Leute LOST LYRICS gerade wegen den Texten mögen und schätzen, das wäre früher undenkbar gewesen. Jedes Lied besteht aus beidem. Text und Musik, und beide Komponenten haben für die Hörer gleich große Bedeutung, jedenfalls bei Liedern in deiner Sprache. Singst du englisch, fällt die eine Komponente in Deutschland weg, ist doch schade.
Früher sagten die Leute: „Nette Band, ganz nett“. Heute finden viele uns entweder sehr gut oder überhaupt nicht, und diese Polarisierung bringt ein wesentlich treueres Publikum ein. Wir machen halt Musik für ein deutschsprachiges Publikum, internationale Karrieren sind sowieso Illusion. Falls das mal soweit ist, singen wir „Here comes Alex“ anstelle von „Hier kommt Alex“ und tun lauter nackte Frauen aufs Cover. Aber kann man auch drauf verzichten, oder?

Steffen: Ich fand, es war mal wieder Zeit ein paar neue, englische Songs zu machen. Von mir aus hätten wir neben „Punkrock Utopia“ noch 1-2 eigene englische Lieder machen können. Klar hört da keiner so auf die Texte, aber die englisch gesungenen Zeilen klingen ja eh schon sehr melodiös und das unterstützt die Musik manchmal noch ganz gut. Lieber nen billigen englischen Text als wie nen schlechten Text in Deutsch. Außerdem mit nem Englischlehrer in der Band ist die richtige Aussprache ja schon mal gesetzt.

Also die deutschen Texte sind mir bei Euch auf jeden Fall wichtig. Und Ihr bewegt ja auch was mit Euren Texten. Ich bin zum Beispiel mal extra wegen dem Song „Skibbereen“ in dieses kleine verschlafene Dorf gefahren, weil ich das unbedingt mal sehen wollte. Innerhalb Eurer Bekanntschaft gibt es nun auch einen Vasco. Wird der später auch mal ins Punkhaus einziehen oder kauft er sich eine Eigentumswohnung in der Goethestrasse 4? ;-)
Holger: In dem Nest war ich auch schonmal, und in der Tat auch wegen des irischen Traditionals. Das Original kenne ich von den DUBLINERS, und das ist ja so tragisch und traurig, dass man überrascht ist, dass der Ort heute so gut ausschaut und nicht bloß aus Ruinen besteht... So kommen halt alle möglichen Einflüsse da rein, ist ja auch gut so.
In unserer Bekanntschaft gibt es sogar 2 Vascos! Meinen alten Bekannten aus Dortmund, der schon seit Jahren u.a. ein wenig beim Plastic Bomb mitmacht, und den kleinen Vasco aus Thüringen, den seine Mutter Jana nach unserem Lied benannt hat. Das haben wir aber erst geglaubt, als sie seinen Ausweis gezeigt hat.

Steffen: Der kleine Vasco fängt jetzt an Schlagzeug zu lernen und wird mich dann später mal ersetzen in der Band. Holger züchtet sich ja den Nachwuchs heran. Als Basti zu alt wurde musste er gehen und bald wird auch mich dass Schicksal treffen. Seine Mutter wohnt momentan noch mit ihm im Punkhaus und wenn er soweit ist, kauft der Holger ihm die Wohnung in der Goethestrasse 4,dann hat er es nicht mehr so weit zum Proben :) .

Bei „Alte Freunde“ ist der Butz von den FUCKIN´ FACES zu hören? Wie kam es denn dazu? Seid Ihr tatsächlich alte Freunde und er kam Euch in Kassel besuchen?
Holger: Wir haben mit den FUCKIN´ FACES schon ein paar Mal gespielt und kannten uns, aber ein Kumpel ist er von Steffen. Steffen, erzähl doch mal.

Steffen: Steht ja ein paar Zeilen weiter oben schon nachzulesen, dass wir uns von den SIDEKICKS her kennen. Haben dann früher auch viel gemeinsam unternommen, waren auf Konzerten unterwegs und haben einmal im Jahr einen Ausflug in die schöne Rhön gemacht, und haben uns auf dem Kreuzberg mit dem selbstgebrauten Bier der dort lebenden Mönche den letzten Segen geholt. Ich habe auch im Bad Hersfelder Juze früher immer Konzerte organisiert und da haben wir gemeinsam mit den Fuckin' Faces ein Benefiz für ein Tierheim gemacht und in 2000 haben sie dort bei uns ihr sehr kurz vorher entschlossenes Abschiedskonzert gespielt. Eigentlich sollten damals PLANLOS spielen und da die abgesagt hatten, rief mich Butz 4-5 Tage vorher an und meinte er wolle aufhören mit der Band und gerne den Abschiedsgig spielen, aber nur gemeinsam mit den SIDEKICKS. Das war schon echt extrem, da wir kaum Zeit für Werbung hatten und am Ende war die Bude trotzdem voll und die empörten Stimmen nach so'nem raschen Abgang, den gerne mehr erlebt hätten, waren groß. In 2003 haben sie dann ja in Dippach/Thüringen ihren ganz großen „Revivalgig“ gehabt wo an die 2.500 Leute da waren. Jetzt spielen sie halt wieder und das ist auch gut so. Da ich finde dass der Butz ne sehr sehr geile Stimme hat, hab ich ihn einfach gefragt ob er Bock hätte mitzumischen auf dem neuen Album und so kam das. „Alte Freunde“ ist u.a. durch seine Teilnahme einer der besten Songs auf dem neuen Album geworden.

Apropos Kassel. Wie sieht es denn derzeit mit der Punk(rock)szene dort aus. Viele alte Bands haben sich längst aufgelöst (BATES, etc…). Fühlt Ihr Euch manchmal etwas alt in Eurer eigenen Stadt? Was gibt es (noch) in Kassel, was Euch, auch als Band, am Leben hält?
Holger: Stimmt, musikalisch ist in KS, was Punkrock angeht, nicht mehr viel was. Wir haben sie alle überlebt. Die Personen machen zum Teil schon noch was, aber in anderen Zusammensetzungen und andere Stile, z.B. KING KHAN & HIS SENSATIONELL SHRINES, da ist z.B. Till von DOGFOOD 5. Zimbl ist solo mit Wandergitarre unterwegs. Tja. Zu KS als Stadt können Kati und Steffen mehr sagen, ich komme ja eh vom Dorf. Da fühle ich mich natürlich pudeljung das macht die Landluft und die frischen Wurstwaren. Morgen ist Schlachteessen (weil du fragst, was mich am Leben erhält).

Steffen: Kassel ist musiktechnisch was Konzerte angeht echt sehr gut organisiert. Wir haben hier fähige Leute die ständig Bands herholen und es gibt auch gute Locations für die Bands. Da bekommst du ständig neue Flyer in die Hand und kannst dir fast jede Woche irgendein nettes Konzert anschauen. Da sind natürlich jetzt nicht nur die Megaacts dabei, sondern auch viele kleine, unbekannte Bands die es echt wert sind sich anzusehen. Die Punkrockszene definiert sich hier glaub ich eher durch aktive Konzertgänger und weniger durch Musiker. Das hält ja auch lebendig und deswegen fühl ich mich hier auch nicht alt oder so, weil die Szene immer nach- und mitwächst. Aber es gibt ja, wie Holger bereits sagte, aus anderen Stilen einige Hauer, z.B. die MONTESAS gelten als Deutschlands beste 60's Beatband und ihre Shows sind immer sehr freakig und unterhaltsam.

Kati: Seit ein paar Jahren ist hier wieder mehr los in der Szene. Ich komme eigentlich aus dem Umland und dort haben sich auch ein paar Leute zusammengetan und veranstalten Konzerte. Das finde ich echt gut, dass da soviel Initiative gezeigt wird und selber was auf die Beine gestellt wird. Vor 10 Jahren war hier noch nicht soviel los und wir mussten ewig weit fahren um uns Konzerte anzuschauen. Ansonsten kann ich mich gar nicht als „alt“ empfinden, da dass für mich alles noch ziemlich neu ist, mit der Band.

Dann hat „Keine Zeit“ also tatsächlich seine Daseinsberechtigung. Hört Ihr Euch gern neue, junge Kapellen an? Was hört Ihr generell so? Und gerade bei den jungen Bands - habt Ihr nicht manchmal das Gefühl, daß sich vieles wiederholt? 15 Jahre gibt es Euch nun auch schon, da hat man sicher schon eine Menge gehört. Generell, wie empfindet Ihr die Entwicklung des Punk in dieser Zeit?
Holger: Gut, generell höre ich schon eher Bands, die zu den „Älteren“ zählen, wobei da nicht nur Punkrock dabei ist. BAD RELIGION, GREEN DAY, DESCENDENTS oder SOCIAL DISTORTION gibt es ja alle schon länger als uns selbst. Aber es gibt, zum Glück, auch immer gute, neue Bands - erst neulich haben wir z.B. mit RADIO HAVANNA gespielt, deren Mitglieder sind unter 20. Und manchmal machen ja ältere Leute eine neue Band, z.B. der Frank von ex-BASH macht nun NONSTOP STEREO, das gefällt mir auch. Andere alltime-favourites sind die POGUES, AC/DC, die BEATLES und vor allem die WHO (die sammel ich).
Was sich total wiederholt ist der klassische Deutschpunk, da sind die alten Lieder von 1982 in aller Regel nicht erreicht. So Aufgüsse langweilen mich. Punk hat bestimmt über ein Dutzend Stilrichtungen, das ist auch gut so. Da laufen entwicklungsmäßig viele Sachen nebenher. Das war vor 15 Jahren einseitiger; derzeit ist es gut vielfältig.

Steffen: Ich finde es immer cool wenn da eine neue, junge Band was reisst und was auf die Beine stellt. Klaro, dass sich da vieles wiederholt. DAS große neue Ding wird wohl keiner hinkriegen, ist ja auch egal, denn es geht ja auch mehr darum was die so an Einflüssen da reinbringen in ihre Musik. Wenn man da nicht nur den aktuell, angesagtesten Hippmist raushört, sondern auch mal ältere Sachen, dann gucken die doch von den richtigen Leuten ab und dass ist doch gut so. Bin ja selber auch noch nich so alt und höre trotzdem überwiegend die älteren Sachen die Holger u.a. schon genannt hat. Einfach weil man dass schon so lange kennt und hört und sich dass einfach bewährt hat. Trotzdem entdeckt man immer wieder Bands die vielleicht auch schon ewig mucken und erst jetzt so richtig hochkommen z.B. aktuell bei mir die KINGS OF NUTHIN´, die gibt es glaub ich auch schon ein paar Jährchen. Höre eigentlich alles was irgendwie mit Punkrock zu tun hat. Gibt ja wirklich ewig viele Stile in der Szene und da wird's nicht langweilig. Ne relativ neue Band sind auch PASCOW und wir spielen zusammen mit denen beim „Punk im Pott“ und da freu ich mich schon sehr drauf.

Ich gehe mal davon aus, daß die Band nicht Eure hauptberufliche Tätigkeit ist. Was macht Ihr denn sonst noch so. Matze ist ja jetzt immerhin Arzt geworden. Und ist jetzt, wo Ihr wieder eine einigermaßen feste Formation seid, damit zu rechnen, daß man Euch wieder des Öfteren Live sehen kann?
Holger: Matze muss hoffentlich nicht zum Arzt. Ansonsten ist er Doktor der Biologie. Deswegen ist er auch rausgeflogen: Intelligenzmäßig überqualifiziert, der Gute. Wollte ständig Fremdwörter in den Texten. Hat dann eigene geschrieben. Da musste er gehen...
Tja, also: Ich bin Lehrer und terrorisiere Jugendliche mit Englisch und Politik. Die kommen dann auch zu Konzerten und ich muss das Notenbuch dabei haben. Ganz schlimm. Klar, Livetermine stehen auf unserer HP: www.lost-lyrics.de Rumtouren tun wir mäßig aber regelmäßig, so ist es kein Stress und wird nicht langweilig.

Steffen: Meinen Job hab ich ja schon genannt und die Band ist ein sehr schönes und wichtiges Hobby. Livegigs sind immer willkommen und in letzter Zeit läuft`s auch echt gut mit Anfragen. Wir wollen dass auch alles nicht überreizen, da Kati und ich ja immer diese Organisation mit Wochenendarbeit haben und es soll bitte nicht in totalem Stress ausarten. So ein Wochenende im Monat ist aber meistens drin und das ist ein guter Level für mich.

Kati: Ich arbeite hier als Erzieherin auf einer Station für psychosomatisch erkrankte Kinder und Jugendliche, welche an ein Kinderkrankenhaus angeschlossen ist. Sehr interessante Arbeit. Dazu studiere ich noch Sozialwesen. Hoffen wir mal, dass die neue Platte gut ankommt und wir einige Konzerte spielen können.

Ja, dann bedanke ich mich ganz herzlich für das Beantworten der Fragen und hoffe, daß Ihr noch lange weiter macht.